1. Die Laplace-Transformation
Etwas grob kann man sagen, dass die Laplace-Transformation die Anpassung der -Transformation an kontinuierliche Funktionen
ist.
Aus einer Folge können wir durch stückweise konstante Interpolation eine Funktion
machen:
Wollen wir aus der Reihe in der -Transformierten der Folge
(also aus
) ein Integral über
machen, so wird aus
ein
und der naive Weg würde einen Ausdruck
ergeben. Reelle Potenzen komplexer Zahlen sind mit Hilfe des Logarithmus definiert als
, wobei man sich jedoch auf einen “Zweig des komplexen Logarithmus” festlegen muss. Man nimmt hier
(mit
) und bekommt den wohldefinierten Ausdruck
. Aus der Reihe wird also
1.1. Definition und Eigenschaften
Definition 1 (Original) Eine Funktion
nennen wir ein (zulässiges) Original, falls
über jede kompakte Menge integrierbar ist und von höchstens exponentiellem Wachstum ist, d.h. es existieren
,
und
, so dass für
gilt
Das Infimum über die möglichen
heißt der Wachstumsindex. Wir bezeichnen ihn auch mit
Bemerkung 2 Die Funktionen, die über kompakte Mengen integrierbar sind heißen auch “lokal integrierbar”. Sprechen wir von Integrierbarkeit im Lebesgueschen Sinne, so fassen wir diese Funktionen im Raum
zusammen.
Ähnlich wie bei der -Transformation benutzen wir auch bei
(und der weiter unter definierten Laplace-Transformation
) die Schreibweise
wenn es sich anbietet.
Beispiel 3
- Für
gilt
, da
für jedes
. (Ist
, so ist
nicht lokal integrierbar.)
- Für
gilt
.
- Ist
beschränkt, so gilt
.
- Für
gilt
.
Definition 4 (Laplace-Transformation) Für ein Original
definieren wir die Laplace-Transformierte
Oftmals schreiben wir auch
.
Der Wachstumsindex gibt an für welche das Integral in der Laplace-Transformation konvergiert: Ist
ein Original, und
, so gilt
und daher existiert das Integral für
.
Die erste Funktion, zu der wir die Laplace-Transformierte ausrechnen ist die Heaviside-Funktion, die das kontinuierliche Gegenstück zum Einheitssprung ist:
Es ist für
Satz 5 Für
gilt
ist für
komplex differenzierbar.
- Für
gilt
![]()
Beweis:
- Folgt aus den üblichen Regeln zur Vertauschung von Differentiation und Integration.
- Für
gilt
- Führen wir die Differentiation unter dem Integral im ersten Punkt des Satzes durch, so sehen wir:
und allgemeiner
- Originale sind nur auf
definiert, wir denken sie uns allerdings üblicherweise durch Null auf ganz
fortgesetzt. D.h. die Heaviside-Funktion “ist das gleiche” wie
und
entspricht dem Original
. Die Ableitung eines Originals im Punkt
ist durch den rechtsseitigen Grenzwert gegeben:
und entsprechend für höhere Ableitungen.
1.2. Rechenregeln
Satz 7 Es sei
ein Original. Dann gelten folgenden Regeln:
Dämpfungsregel: Für :
Skalierung: Für :
Zeitverschiebung: Für :
Differentiation: Ist ![]()
-mal stetig differenzierbar und
habe stückweise stetiger Ableitung
und ist
ein Original, dann ist auch
ein Original und es gilt
Integration: Für gilt:
Differentiation im Bildbereich: Für gilt
Beweis:
und also ist auch ein Original. Mit partieller Integration ergibt sich zu
Wir lassen nun gegen unendlich streben und bekommen
Für folgt die Behauptung per Induktion.
Zusätzlich zu diesen Rechenregeln gilt auch für die Laplace-Transformation ein Faltungssatz. Dafür definieren wir die Faltung von zwei Funktionen:
Definition 8 Es seien
(d.h.
und
sind absolut integrierbar im Lebesgueschen Sinne). Dann ist die Faltung von
und
definiert durch
Bemerkung 9
- Gilt
für
so ist
Diese Definition ist auch in Ordnung, wenn
und
nur lokal integrierbar sind. In diesem Fall ist auch
.
- Sind
und
Originale, so ist auch
ein Original: Für
gilt
und
und es folgt
für jedes
(mit passendem
). Es folgt
Satz 10 (Faltungssatz für die Laplace-Transformation) Für Originale
und
gilt
Beweis: Der Satz von Fubini erlaubt das Vertauschen der Integrationsreihenfolge. Beachte dabei das Integrationsgebiet .
1.3. Beispiele
Beispiel 11 (Heavisidefunktion und einseitige Monome) Uns ist schon
für die Heavisidefunktion
bekannt. Differentiation im Bildbereich zeigt für
:
Beispiel 12 (Exponentialfunktion, Sinus und Kosinus) Mit der Dämpfungsregel und der Linearität folgt für
![]()
Mit
folgt daraus
und ebenso
Anwendung der Dämpfungsregel gibt für
![]()
und
Durch Differentiation im Bildbereich erhalten wir noch
und
Beispiel 13 (Charakteristische Funktionen von Intervallen) Wir betrachten ein Plateau der Höhe
von
bis
, d.h.
Wegen
folgt
mit dem Spezialfall
,
,
![]()
Beispiel 14 (Hut-Funktion) Wir betrachten
Die Laplace-Transformierte erhalten wir einerseits aus dem Faltungssatz, denn es gilt
und daher
Andererseits gilt (fast überall)
und wegen
erhalten wir das gleiche Ergebnis mit Hilfe der Integrationsregel.
Beispiel 15 (Rechteckschwingung) Die Rechteckschwingung ist
Dies gibt die Transformierte
Beispiel 16 (Dreieckschwingung) Wir setzen die Hut-Funktion periodisch fort und erhalten eine Dreiecksschwingung: Mit der Funktion
aus Beispiel 14 definieren wir
Es ergibt sich mit der Verschiebungsregel
Das vorherige Beispiel motiviert die Betrachtung von periodischen Funktionen:
Beispiel 17 (Periodische Funktionen)
habe die Periode
, d.h.
. Dann gilt
Die Laplace-Transformierte lässt sich also durch ein Integral über eine Periode der Funktion berechnen.
Auch Potenzreihen lassen sich Laplace-transformieren:
Lemma 18 Es sei
für
. Ist
für ein
, so ist
ein Original und die Reihe
konvergiert für
und stimmt dort mit
überein.
Beweis: Konvergenz für folgt aus dem Majoranten-Kriterium. Insbesondere ist
beschränkt, d.h. es gibt ein
, so dass
und daher gilt
Also ist ein Original mit
. Für
gilt
Die rechte Seite ist (unabhängig von ) über
absolut integrierbar. Der Satz von dominierten Konvergenz erlaubt also das gliedweise Integrieren.
Beispiel 19 (Besselfunktion) Die Besselfunktion nullter Ordnung ist
Als Laplace-Transformierte erhalten wir
was nach dem Quotientenkriterium für
konvergiert. Es gilt allerdings (ebenfalls für
) für den Hauptzweig der komplexen Wurzel
mit dem verallgemeinerten Binomialkoeffizienten
und daher
1.4. Elektrische Netzwerke
Die Laplace-Transformation lässt sich einsetzen, um elektrische Netzwerke zu analysieren. Ein elektrisches Netzwerk besteht aus drei verschiedenen Bauteilen: Widerständen, Spulen und Kondensatoren. Die Bauteile sind durch Leitungen miteinander verbunden, so dass Strom fließen kann. Legen wir nun an einer Stelle im Netzwerk eine Spannung an, so fließt ein Strom
. Die Berechnung des fließenden Stroms wird durch folgende Regeln berechnet:
- In einem Widerstand
gilt
- An einer Spule mit Induktivität
gilt
- An einem Kondensator mit Kapazität
gilt
Die Laplace-Transformation dieser Identitäten ergibt (Bezeichnung: und
)
In jedem Fall läuft ein Bauteil auf eine Multiplikation von mit einer rationalen Funktion hinaus. Diese Funktion bezeichnet man auch als “komplexen Widerstand” oder Impedanz und bezeichnet Ihn mit
, also
Die Impedanz eines Netzwerkes berechnet sich nach den Kirchhoffschen Regeln:
- Sind Bauteile hintereinander geschaltet (“in Reihe”), so addieren sich die Impedanzen. Das heißt: Liegt an hintereinderliegenden Bauteilen mit Impedanzen
je eine Spannung
an, dann haben sie gemeinsam die Impedanz
und die die Laplace-transformierte Spannung am
-ten Bauteil ist
und die Spannung über das zusammengefasste Bauteil
.
- Sind Bauteile parallel geschaltet, so ist die Impedanz der Kehrwerte der Summe der Kehrwerte. Das heißt: Fließt durch die Bauteile mit Impedanzen
je ein Strom
, dann hat das zusammenfasste Bauteil die Impedanz
und der Laplace-transformierte Strom im
-ten Bauteil ist
.
Anschalten eines LCR-Gliedes/\href{Schwingkreises}} Für ein einfaches Beispiel in dem eine Spule hinter eine Parallelschaltung von einem Widerstand und einem Kondensator
geschaltet wird ergibt sich die Gesamtimpedanz als
Wir wollen nun zum Zeitpunkt eine Gleichspannung
anlegen, das heißt, die Spannung ist
. Die Laplace-Transformierte ist
und die Laplace-Transformierte des Stromes durch das gesamte Glied ist
Unter der Annahme hat der Nenner die Nullstellen
,
mit
,
. Um einen Eindruck der Rücktransformierten zu bekommen, Zerlegen wir
in Partialbrüche und erhalten etwas von der Form
Rücktransformation gibt
Qualitativ lässt sich über den fließenden Strom folgendes sagen: Für geht dieser gegen eine Konstante
(da
), Anfangs wird die Konstante durch eine Schwingung der Frequenz
überlagert und der Wert
bestimmt die Geschwindigkeit des Abklingverhaltens die Überlagerung.
Der unstetige Vorgang des Anschaltens lässt sich also mit Hilfe der Laplace-Transformation einfach beschreiben. Ebenso könnte man eine Wechselspannung anschalten, indem man anlegt. Man ist darüberhinaus auch daran interessiert, wie sich der Schaltkreis unter einem “Einheitsimpuls” verhält, d.h. wir legen zum Zeitpunkt
(für eine “unendlich kurze Zeit”) eine Spannung 1 an. Um dies zu realisieren bräuchte man eine Funktion
mit “unendlich kleinem Träger”, welche trotzdem eine Auswirkung in der Gleichung hat. Dies lässt sich mathematisch mit Hilfe von Distributionen formulieren.
1.5. Laplace-Transformation von Distributionen
Distributionen sind auch unter dem Namen “verallgemeinerte Funktionen” bekannt, was ihre Natur ganz gut beschreibt. Fundamental für das Konzept einer Distribution ist die Tatsache, dass eine lokal integrierbare Funktion fast überall durch die Integrale der Form
bestimmt ist. Es reicht hier, wenn alle unendlich oft differenzierbaren Funktionen mit kompaktem Träger durchläuft. Diese Tatsache ist auch als Fundamentallemma der Variationsrechnung oder als “Lemma von du Bois-Reymond” bekannt:
Lemma 20 (Fundamentallemma der Variationsrechnung) Es sei
und
. Gilt dann für alle
mit kompaktem Träger
so ist
fast überall.
Das heißt, die Werte beschreiben die Funktion
(fast) vollständig. Wir können also statt
auch seine Wirkung auf dem Raum der sogenannten “Testfunktionen” (also den
-Funktionen mit kompaktem Träger) vermittels der Abbildung
betrachten. Diese Idee lässt sich verallgemeinern: lineare Abbildungen, die jeder Testfunktion eine komplexe Zahl zuordnen, werden unsere verallgemeinerten Funktionen. Um für die Abbildungen noch einen Begriff der Stetigkeit formulieren können, definieren wir:
Definition 21 (Testfunktionen und Konvergenz) Es sei
. Eine Funktion
heißt Testfunktion, falls sie kompakten Träger hat und unendlich oft differenzierbar ist, den Vektorraum der Testfunktionen bezeichnen wir mit
. Wir sagen, dass eine Folge
von Testfunktionen in
gegen
konvergiert, falls
- es eine kompakte Menge
gibt, so dass die Träger aller
in
liegt, und
- alle Ableitungen
gleichmäßig gegen
konvergieren.
Wir schreiben dafür
in
.
Definition 22 (Distribution) Eine Abbildung
heißt Distribution, falls sie linear und stetig ist, d.h.
und für
in
folgt
.
Die Distributionen bilden einen Vektorraum, der mit
bezeichnet wird (in Analogie zur Bezeichnung des Dualraums in der Funktionalanalysis).
Beispiel 23 (Reguläre und
-Distribution)
- Jede Funktion
induziert eine Distribution via
Linearität ist klar und für die Konvergenz
reicht sogar schon die gleichmäßige Konvergenz von einer kompakten Menge (Konvergenz der Ableitungen wird nicht benötigt). Distributionen, die von einer lokal integrierbaren Funktion induziert werden heißen reguläre Distributionen.
- Eine bekannte (nicht-reguläre) Distribution ist die
-Distribution (auch Deltafunktion oder Dirac-Distribution): Sie ist definiert durch
In Analogie zu regulären Distributionen schreibt man formal manchmal
.
Um die Laplace-Transformation für eine Distribution zu definieren, bietet es sich an,
zu definieren; leider handelt es sich bei
nicht um eine Testfunktion (der Träger ist nicht kompakt). Es gibt jedoch einen etwas größeren Raum von geeigneten Funktionen:
Definition 24 (Schwartz-Raum) Der Schwartz-Raum auf
ist definiert durch
seine Elemente nennen wir Schwartz-Funktionen oder auch “schnell fallende Funktionen”. Eine Folge
von Schwartz-Funktionen konvergiert in
gegen
, falls für alle
gilt, dass
für
gleichmäßig gegen Null konvergiert. Schwartz-Funktionen auf
sind analog definiert, d.h. es wird keine Abfallverhalten für
vorgeschrieben.
In Worten: ist eine Schwartz-Funktion, wenn sie und ihre Ableitungen multipliziert mit allen Polynomen beschränkt ist. Beachte, dass der Schwartz-Raum vorerst nur auf
und
definiert wurde (bei Testfunktionen haben wir Teilmengen von
zugelassen). Der Grund ist, dass Schwartz-Funktionen “gegen den Rand hin schnell genug abfallen müssen”, was bei Mengen mit kompliziertem Rand schwierig zu formulieren sein kann. Testfunktionen hingegen müssen (im Fall einer offenen Menge
) einfach schon “vor dem Rand Null sein”.
Offensichtlich gilt (und
) und
in
impliziert
in
. Im
Definition 25 (Temperierte Distribution) Eine lineare und stetige Abbildung
(bzw.
) heißt temperierte Distribution. Der Vektorraum der temperierten Distributionen wird mit
(bzw.
) bezeichnet.
Bemerkung 26
- Jede temperierte Distribution ist eine Distribution.
- Die
-Distribution ist temperiert.
- Nicht jede Distribution ist temperiert, insbesondere ist schon nicht jede reguläre Distribution temperiert: Für
gilt zwar
, aber
(da
eine Schwartz-Funktion ist, für die
nicht existiert).
Bemerkung 27 (Operationen auf Distributionen) Mit Distributionen kann man zahlreiche Sachen machen, die man auch mit Funktionen machen kann.
Ableitung: Zum Beispiel kann man Distributionen ableiten: Ist lokal integrierbar und (stückweise) differenzierbar mit lokal integriertbarer Ableitung
, dann gilt nach der Regel der partiellen Integration
Der letzte Ausdruck ist jedoch schon ohne Differenzierbarkeit von
erklärt! Man nimmt dies zum Anlass und definiert die Ableitung einer Distribution
als
Distributionen sind also unendlich oft differenzierbar!
Multiplikation mit einer -Funktion: Analog lässt sich die Multiplikation einer Distribution mit einer
-Funktion definieren: Ist
unendlich oft differenzierbar, so ist für eine Testfunktion
auch
eine Testfunktion. Es gilt
Verschiebung: Um die Verschiebung einer Distribution zu formulieren, gehen wir wie folgt vor: Wie definieren zu die Funktion
und damit den Verschiebungsoperator
(d.h.
. In den Übungen sollen Sie sich überlegen, dass die Verschiebung einer Distribution
sinnvollerweise durch
definiert wird. Die Skalierung von Distributionen wird ebenfalls in den Übungen behandelt.
Bemerkung 28 (Sprechweise “im Distributionensinn”) Operationen, die wir wie in der vorigen Bemerkung von Funktionen auf Distributionen fortgesetzt haben, lassen sich natürlich auch auf reguläre Distributionen anwenden und damit in gewissem Sinne auch auf lokal integrierbare Funktionen. Bildet man zum Beispiel die Ableitung der regulären Distribution
so spricht man auch von “der Ableitung von
im Distributionensinn” oder von “der distributiven Ableitung von
”. Algemein sagt man das eine Funktion
eine Eigenschaft “im Distributionensinn” hat, wenn die zugehörige reguläre Distribution diese Eigenschaft hat. Zum Beispiel bedeutet “
im Distributionensinn”, dass
ist, was wiederum bedeutet dass
für alle Testfunktionen
, also
für all diese. Nach dem Fundamentallemma der Variationsrechnung also
fast überall.
Beispiel 29
- Es sei
. Dann ist die distributionelle Ableitung wieder eine reguläre Distribution, nämlich die, die zur Heaviside-Funktion gehört. Wie schreiben also
(und diese Gleichung gilt im Distributionensinn.)
- Auch
können wir distributionell ableiten. Diesmal ergibt sich allerdings keine Funktion mehr, sondern es gilt
(im Distributionensinne), oder präziser aber umständlicher
.
- Die Ableitung der
-Distribution ist
Außerdem gilt
Beispiel 30 (Multiplikation, Differentiation und Produktregel) Es sei
unendlich oft differenzierbar.
- Was ist
? Wir berechnen die Wirkung auf eine Testfunktion
:
Mit anderen Worten:
. Nun können wir auch das Argument
weglassen und erhalten die amüsante Beziehung
(beachte hierbei: Auf der linken Seite steht das Produkt von
-Funktion mit einer Distribution (definiert in~(1); auf der rechten Seite steht das Produkt einer der komplexen Zahl mit einer Distribution).
- Was ist
? Auch hier berechnen wir die Wirkung auf eine Testfunktion und müssen hierbei beachten, dass wir zuerst die Multiplikation mit
und dann die Ableitung “in das Argument ziehen” müssen, was die Benutzung der Produktregel der Ableitung nach sich zieht:
Mit anderen Worten:
. Wieder können wir das Argument
weglassen und bekommen die (eventuell komplizierter als erwartete) Gleichung
- Was ist
? Wir gehen vor wie oben:
mit anderen Worten
bzw.
- Es gilt auch eine Produktregel für die Ableitung des Produkten von
-Funktion und Distribution:
Wir benutzen die “Produktregel für die Ableitung des Produktes von Funktionen rückwärts”, d.h.
und bekommen
d.h.
Zu guter Letzt kann man sich davon überzeugen, dass unsere Überlegungen alle konsistent sind, in dem man sich
noch einmal mit Hilfe der allgemeinen Produktregel berechnet.
Zurück zur Laplace-Transformation von Distributionen: Wir können zum Beispiel schon formal die -Distribution mit unser ursprünglichen Idee transformieren:
.
Konzeptionell beobachten wir: Wir können die Laplace-Transformierte einer Distribution definieren, wenn es ein
gibt, so dass
eine temperierte Distribution ist, denn dann ist für
die Funktion
eine Schwartz-Funktion auf
und der Ausdruck
ist wohldefiniert. Wir halten fest:
Definition 31 (Laplace-Transformation von Distributionen) Es sei
eine Distribution. Gibt es
, so dass
eine temperierte Distribution ist, so definieren wir die Laplace-Transformation von
als
Die bekannten Rechenregeln für die Laplace-Transformation gelten auch in diesem Fall (falls sie denn sinnvoll erklärt werden können).
Beispiel 32 (Ableitungsregel) Es gilt
und ebenso
Wir können nun schon einige Sachen mit Distributionen machen: Die Vektorraumoperationen Addition und skalare Multiplikation, sie mit -Funktionen multiplizieren, Ableiten, Verschieben und Skalieren. Nun wollen wir uns daran machen und versuchen, Distributionen zu falten. Das wird nicht in allen Fällen funktionieren. Wieder überlegen wir uns zu erst, wie die Faltung von zwei regulären Distributionen aussieht. Sind
“faltbare Funktionen”, so gilt
Schauen wir uns diese Herleitung noch einmal kritisch an: Wir müssen die Integrationsreihen vertauschen dürfen, d.h. die Integrierbarkeit der Funktion muss “gut genug” sein. Der kompakte Träger von
allein reicht dafür nicht aus. Fordert man zusätzlich noch kompakten Träger von
oder
(und deren Integrierbarkeit) so ist man auf der sicheren Seite. Um in der letzten Zeile von regulären Distributionen
und
zu allgemeinen Distributionen
und
überzugehen, muss das Argument von
(bzw.
) eine Testfunktion sein. Mit anderen Worten: Die Abbildung
muss unendlich oft differenzierbar sein und kompakten Träger haben. Um Voraussetzungen zu formulieren, die das Falten von Distributionen erlaubt, benötigen wir noch den Begriff des Trägers einer Distribution:
Definition 33 Der Träger
einer Distribution
ist wie folgt definiert:
falls für jedes
ein
mit
gibt, so dass
.
Der folgende Satz gibt Bedingungen unter denen die Faltung von zwei Distributionen erklärt ist an; wir geben ihn ohne Beweis.
Satz 34 Es seien
Distributionen und
oder
habe kompakten Träger. Dann ist
wohldefinierbar und wieder eine Distribution.
Die Faltung von Distributionen wird zum Beispiel im Buch “Functional Analysis” von Walter Rudin behandelt, siehe auch mein Skript zu Fouriertransformation und Distributionen, Abschnitt 3.6. Dass die Definition der Faltung von Distributionen kompliziert ist, lässt sich auch schon im Speziallfall der Faltung von Distribution und Funktion sehen:
Bemerkung 35 (Faltung von Distribution und Funktion) Mit dem Vorgehen aus dem obigen Satz lassen sich auch gewisse Funktionen mit gewissen Distributionen falten:
- Hat nämlich
einen kompakten Träger, so hat die induzierte Distribution
den gleichen Träger (siehe Übungsaufgaben). Insbesondere ist
wieder eine Testfunktion und damit ist für jede Distribution
der Ausdruck
wohldefiniert.
- Hat andererseits eine Distribution
kompakten Träger und ist
(jetzt auch ohne kompakten Träger), dann ist
zwar keine Testfunktion, aber immerhin unendlich oft differenzierbar (was aus der Ableitungsregel für die Faltung folgt). Um nun
auf
anwenden zu können benötigen wir noch die Tatsache, dass sich Distributionen
mit kompakten Träger auf den Raum
fortsetzen lassen, d.h. dass eine eindeutige stetige und lineare Fortsetzung
gibt. In diesem Sinne ist dann auch
sinnvoll.
Da wir in der Notation nicht immer zwischen Funktion
und induzierter Distribution
unterscheiden, schreiben wir auch
für die Faltung der Distributionen
und
.
Beispiel 36 (Faltung mit
und
) Es sei
eine Distribution. Dann ist
was nichts anderes bedeutet als
(Der Vollständigkeit halber betrachten wir noch
, es gilt also auch
). Speziell für Funktionen
folgt auch
Weiterhin gilt
und es folgt
was nicht anderes bedeutet als
Für Funktionen ergibt sich
1.6. Lineare Differentialgleichungen und Anwendungen
In diesem Abschnitt behandeln wir die Lösung von Differentialgleichungen mit Hilfe der Laplace-Transformation. Wir beginnen mit linearen Differentialgleichungen -ter Ordnung: Wir betrachten das Polynom
Durch formales Einsetzen des Differentiationsoperators bekommen wir einen (linearen) Differentialoperator -ter Ordnung
Zum Aufwärmen betrachten wir die homogene Differentialgleichung (d.h. mit rechter Seite ):
Satz 37 Für die Lösung der Differentialgleichung
mit
gilt
Beweis: Auf Grund der Anfangswerte folgt für
Da die Differentialgleichung erfüllt, folgt für
:
Und daher muss , was die Behauptung zeigt.
Bemerkung 38 (Allgemeines Vorgehen zur Lösung der inhomogenen Gleichung) Für die inhomogene Differentialgleichung
mit Anfangswerten
ergibt sich mit
für die Laplace-Transformierte der Lösung
mit einem Polynom
vom Grade
(welches von den Koeffizienten
und den Anfangswerten
abhängt).
- Der Summand
ist eine rationale Funktion. Seine Rücktransformierte ist die Lösung
der homogenen Gleichung mit den Anfangswerten
. Wir bezeichnen mit
(
) die verschiedenen Nullstellen des Nenners
und mit
die zugehörige Vielfachheit. Dann hat
folgende Form
mit Koeffizienten
die sich aus der Partialbruchzerlegung von
ergeben. Wir beobachten, dass falls
(für alle
), die Lösung
für
für alle Anfangswerte gegen Null strebt.
- Die Rücktransformierte
des Summanden
ist die Lösung der inhomogenen Gleichung mit Anfangswerten
. Ist
ein “exponentielles Polynom”, d.h. ein Ausdruck der Form
, dann ist
eine rationale Funktion und die Rücktransformation ist mit Hilfe von Partialbruchzerlegung möglich.
- Um
zu bestimmen, kann man auch den “Faltungstrick” anwenden. Dazu sucht man eine Rücktransformierte
von
, d.h.
. Auf Grund des Faltungssatzes~10 ist dann eine Rücktransformierte von
durch
gegeben, also
.
Bemerkung 39 (Interpretation des Faltungstricks) Der Faltungstrick hat folgende Interpretation:
ist die Lösung von
Anders formuliert:
ist die Lösung der “distributionell zu verstehenden” Gleichung
welche ihren Träger in
hat. Man nennt
daher auch “Impulsantwort”. Begründung: Sei
Lösung von (2). Dann ist
(mit der Heaviside-Funktion
). Distributionelles Ableiten mit Hilfe der Produktregel aus Beispiel 30 ergibt:
Beispiel 40 (Homogene und inhomogene Lösungen) Wir betrachten die Differentialgleichung zweiter Ordnung
Das zugehörige Polynom ist
und die Laplace-Transformierte der Lösung ist
Die homogene Lösung
(also für
) ergibt sich nach Partialbruchzerlegung
als
Für die inhomogene Gleichung mit rechter Seite
und Null-Anfangswerten haben wir
und wegen
die Lösung
Bei der etwas komplizierteren rechte Seite
betrachten wir zwei Lösungsmöglichkeiten: Die Transformierte von
ist (vgl. Beispiel~13)
Daher ist die Laplace-Transformierte der Lösung
und mit der Zeitverschiebungsregel und der Lösung
folgt
Andererseits können wir auch den Faltungstrick benutzen: Die Rücktransformierte von
ist
und die Lösung ist
Beispiel 41 (Distributionelle rechte Seiten) Wir sind auch in der Lage Gleichungen mit Distributionen als rechte Seite zu lösen. Wir definieren die verschobene
-Distribution zu
als
und betrachten
Die homogene Lösung
ist uns schon aus dem vorherigen Beispiel bekannt. Die inhomogene Lösung
(mit Null-Anfangswert) ist die Rücktransformierte von
und wegen
folgt nach der Zeitverschiebungsregel
(Dies sieht man auch mit dem Faltungstrick, denn es gilt
.)
1.7. Injektivität von
und Umkehrbarkeit
Zur Inversion der Laplace-Transformation schaut man in der Praxis meist in Tabellen nach. Damit dieses Vorgehen auch gerechtfertig ist, muss man wissen, dass die Laplace-Transformation injektiv ist, d.h. das zwei verschiedene Funktionen auch verschiedene Laplace-Transformierte haben. Der Beweis dafür ist nicht sehr einfach:
Satz 42 Es seien
und
Originale. Gilt dann
, so gilt
(fast überall).
Bevor wir zum Beweis kommen: Die Gleichheit muss nur auf einer beliebigen rechten Halbebene gelten (der Identitätssatz sorgt dann dafür, dass sie “auf ihren maximalen Definitionsgebieten” gleich sind). Als Hilfsmittel benötigen:
Lemma 43 (Momentensatz) Es seien
und
stetig. Gilt dann für alle
![]()
so ist
.
Beweis: Durch getrenntes Betrachten von Real- und Imaginärteil können wir uns auf reellwertige Funktionen beschränken. Nach dem Approximationssatz von Weierstraß gibt es zu jedem
ein Polynom
, so dass
Es folgt für alle
Durch Integration von bis
ergibt sich
Nach Voraussetzung gilt , d.h für jedes
gilt
und daher
Das Lemma ist bewiesen.
Beweis: (von Satz~42) Wir zeigen, dass aus für
folgt, dass
(fast überall). Dazu zeigen wir eine scheinbar schwächere Behauptung: Gibt es
mit
und
, so dass
für
, so gilt
(fast überall). Wir definieren
Bemerke, dass stetig (da
lokal integrierbar) und beschränkt (da der Grenzwert
für
existiert). Die Laplace-Transformierte von
ist
Nach Voraussetzung gilt also für
, was nichts anderes heißt als
Wir substituieren (also
und
) und bekommen
Da die Abbildung stetig ist, folgt aus dem Momentensatz
und damit, dass
(fast überall).
Wenden wir uns nun der Umkehrformel zu:
Satz 44 Zu
(mit
für
) mit Laplace-Transformierter
definieren wir die Größe
Dann gilt für
und für alle
in denen
stetig ist die Bromwich-Formel
Der Beweis benutzt einige Tatsachen, die wir im nächsten Abschnitt über die Fourier-Transformation beweisen werden und daher vertagen wir ihn.
July 5, 2012 at 11:16 pm
[...] die einseitige Transformation haben wir im vorherigen Abschnitt den Wachstumsindex definiert um die Konvergenzhalbebene der Transformierten zu beschreiben. [...]